Leben im Mara-Territorium
Jugendbanden in El Salvador
Im Jahr 2003 haben die mittelamerikanischen Regierungen die Schlacht gegen die Pandillas (Jugendbanden, synonym Maras; ihre Mitglieder sind Pandilleros und Pandilleras, Mareros und Mareras) eröffnet, die es in ganz Mittelamerika gibt. Tausende Pandilleros weichen nach Norden aus, vor allem nach Mexiko, dem Land, in dem paradoxerweise das Problem entstand und wohin es jetzt zurückkehrt. In El Salvador ist das Mara-Problem mehr als eines der öffentlichen Ordnung. Der Kampf gegen die Maras hat sich anlässlich der Präsidentschaftswahlen vom 21. März 2003 mit Wahlinteressen vermischt und mit Erbschaften aus dem Krieg zwischen 1989 und 1992. Das Ergebnis ist extreme Gewalt - und eine Warnung für die nahe Zukunft: "Was heute in Mexico passiert, ist noch gar nichts.", sagt ein Mitglied der Mara Salvatrucha (MS). - VON ALBERTO NÁJAR
Colonia Boquin, Gemeinde Mejicanos (eine der 14 Gemeinden des Ballungsgebietes von San Salvador), El Salvador. Er ist ein respektiertes Mitglied der MS und will seit einigen Monaten wissen, wo eigentlich Mexicali liegt. Das Wort kommt ihm komisch vor, vor allem weil es inzwischen unter den Chefs der Salvatrucha, der größten Mara in Mittelamerika, kursiert. In Mexicali, erklärt er, operiert eine der bestorganisierten Zellen der MS außerhalb von El Salvador, beauftragt mit Drogen- und Waffenhandel und der Beschaffung von Geld und Informationen für die Clicas (Cliquen, Banden) in Los Angeles. Die Anführer der MS betrachten Mexicali als erobertes Territorium, das zusammen mit dem D.F., wo die Mara 1300 Mitglieder in sieben Clicas hat, das Rückgrat der Salvatrucha in Mexico bildet. Eigenartigerweise werden diese Daten in der Colonia Boquín gehandelt, die wegen der Kämpfe im Rahmen der Novemberoffensive 1989 der FMLN berühmt geworden ist. In der Colonia Boquín gab es viele Comandos Urbanos (Zellen der Stadtguerilla) und in diesem Stadtteil hatten die US-amerikanischen Ordensfrauen gearbeitet, die 1980 von der Nationalgarde umgebracht wurden. Aber so ist das Leben in diesem Viertel, in dem die Auseinandersetzungen auch zwölf Jahre nach Unterzeichnung der Friedensverträge nicht aufgehört haben. Und immer noch sind es Nahkämpfe - heutzutage zwischen den Banden der MS und den Jugendlichen der Mara 18 (M18), die von Zeit zu Zeit auftauchen, um ihre Feinde herauszufordern. Zur Zeit gibt es einen Waffenstillstand, dessen Ende für den 22. März, in den Stunden nach den Präsidentschaftswahlen, geplant war. In der Zwischenzeit schmiedeten die Bandenführer Pläne.
Ende 2003 versammelten sich 21 Vertreter der größten Clicas, um eine gemeinsame Strategie gegen das Anti-Mara-Gesetz, das im Oktober zuvor verabschiedet worden war, zu vereinbaren. Dieses Gesetz definiert z.B. die simple Zugehörigkeit zu einer Mara als Delikt. In dieser Versammlung hörte unser Pandillero, der als Berater und Bote der gefangenen Chefs teilnahm, zum ersten Mal das Wort Mexicali und seither will er wissen, wo diese Stadt eigentlich ist.
Das ist wichtig, denn Mexico ist zum sichersten Ort für die Maras geworden, seit die mittelamerikanischen Regierungen eine regelrechte Schlacht gegen sie begonnen haben. Man weiß nicht, wie viele bisher abgewandert sind, aber von der Salvatrucha ist bekannt, dass täglich Fünfergruppen ausbrechen, ohne Tätowierungen, formal gekleidet und mit dem Auftrag, Clicas zu bilden und die Rivalen von der M18 zu bekämpfen.
Es wird ein Kampf bis aufs Messer, genau wie in El Salvador, das von der UNO nach Kolumbien als gewalttätigstes Land Lateinamerikas eingestuft wird. Nach Angaben der salvadorianischen Generalstaatsanwaltschaft sind im letzten Jahr 2367 Menschen ermordet worden, täglich sechs im Durchschnitt - über die Hälfte dieser Morde wird den Maras zugeschrieben.
Tausende flohen vor dem Krieg nach Los Angeles
Die Gemeinde San Luis besteht aus einer Ansammlung von Holz- und Wellblechhütten, umgeben von einem mittelständischen Stadtviertel. Hier operiert eine der gewalttätigsten Clicas der MS, denn sie bekommt häufig die Aufgabe, rivalisierenden Pandilleros "den Marsch zu blasen", sie zu exekutieren. Solche Befehle werden nicht diskutiert, erklärt Gonzo (Name geändert), schon gar nicht, wenn es sich um jemand von der Ml 8 handelt, die die Salvatruchos hassen müssen.
Diese "Tradition" stammt aus den Anfängen der Jugendbanden Anfang der 80er Jahre, als Tausende von Salvadorianerinnen vor dem Krieg nach Los Angeles flohen. In einer der Geschichten über jene Zeit heißt es, dass sich die Flüchtlinge organisieren mussten, um sich gegen die mexikanischen Banden zu verteidigen. Im Laufe der Jahre gelang es den neuen Gruppen, ihr Territorium zu verteidigen. Andere Versionen sprechen davon, dass die ersten Exilierten von der mexicanischen Bande, die die 18.Straße kontrollierte, unterstützt wurden - eine zunächst nützliche Entscheidung, die aber irgendwann kontraproduktiv wurde, als mehr und mehr Salvadorianerinnen kamen. Die Neuankömmlinge betrachteten das Bündnis mit den Mexicanern, von denen sie auch noch angegriffen wurden, als Verrat und bauten ihre eigenen Banden aus nur salvadorianischen Mitgliedern auf. So entstand die Mara Salvatrucha, ein Wortspiel, das die Fähigkeit der Salvadorianerinnen ausdrücken soll, unter allen Umständen zu überleben: "mara" bedeutet Gruppe von Freundinnen, das "salva" steht für das Land und "trucha" ist die Forelle, bekanntlich ein wendiger Fisch.
Strenge Kleiderordnung
Es geht also um Rivalitäten zwischen nationalen Identitäten, die in extremer Form ausgetragen werden. In der MS ist es z.B. verboten, grüne, weiße und rote Kleidungsstücke zu kombinieren (die mexikanischen Landesfarben) und das Wort Mexico auszusprechen. Wenn es unvermeidlich ist, sagen sie "mexicaca" - Scheißmexico. Auch die Virgen de Guadalupe ist verboten, weil ihr Bild von der M 18 benutzt wird. In der MS pflegt man sich mit dem nationalen Wappen zu tätowieren. Aber solche Details, die Teil der Indoktrinierung in der Salvatrucha sind, erklären nur zum Teil die Gewalt, die zwischen den Banden herrscht. Ein weiterer Grund liegt in einer Art Blutrache, die kein Ende nimmt.
Gonzo, ein Pandillero, der mit 20 Jahren schon mehrere Kreuze eintätowiert hat, von denen jedes einen Toten symbolisiert, ist ein Glied in dieser Kette. "Diese Typen haben meine Homies (Mitglieder derselben Clica) umgebracht, und wir müssen sie das bezahlen lassen." "Wo haben sie sie ermordet?" "Einige in LA und andere hier in El Salvador." "Waren es Freunde von dir?" "Nein, aber Homies, reine Salvatruchos, und die 18er haben sie umgebracht. Jetzt werden wir es diesen Arschlöchern geben." "Weshalb hasst ihr die so?" "Sie sagen, sie seien Salvadorianer, aber mit mexikanischen Herzen, und das geht nicht. Das ist als ob einer sagt, er habe ein Ami-Herz." Nach Kriegsende 1992 begann in El Salvador der Wiederaufbau, wozu auch neue Gesetze und die Entwaffnung aller bewaffneten Gruppen gehörte. "Niemand sah voraus, was diese Nachkriegszeit bedeutet", sagt der Generalstaatsanwalt Belisario Artiga. "Es wurden Fehler gemacht. Aus den demobilisierten Sicherheitskräften und Guerrilleros entstand eine Masse von 40 000 Männern, die 15 Jahre lang gelernt hatten zu töten und die von nichts anderem als Waffen etwas verstanden." Die neu gegründete Zivile Nationalpolizei (PNC) "war ein amorphes Corps, das nicht auf die Bekämpfung der städtischen Kriminalität vorbereitet war, die was ganz anderes ist als der Krieg in den Bergen." In jenen Jahren begann die US-Regierung mit massiven Deportationen von Salvadorianerinnen, die straffällig geworden waren und zum Teil im Gefängnis saßen. "Es kamen Tausende ohne jede Kontrolle. Da sie aber hier nichts gemacht hatten, waren sie frei, sobald sie ankamen - und gingen zu den Jugendbanden." In den ersten Jahren nach dem Krieg nahm niemand von diesen Banden Notiz, sie wuchsen unbemerkt innerhalb der Welle von städtischer Kriminalität. "Wir hatten andere Prioritäten: bewaffnete Raubüberfälle, Bankraub, Entführungen." Erst ein Jahrzehnt nach den Friedensverträgen, 2002, begann die salvadorianische Regierung, gegen die Maras vorzugehen. Aber das Problem war bereits außer Kontrolle. "Wir entdeckten Clicas, die in die Entführungen verwickelt waren und dann merkten wir, dass sie angefangen hatten, mit Drogen zu handeln. Dazu brauchen sie richtige Waffen, wo sie vorher nur selbst gebastelte Pistolen hatten. Wir haben sogar eine Gruppe mit Boden-Luft-Raketen entdeckt." Auch nahm die Anzahl der Mitglieder der Maras laufend zu. Laut PNC sind es ca. 11 000 in 309 Clicas, aber Luis Romero, Koordinator von "Homies Unidos", einer unabhängigen Organisation, die Pandilleros wieder eingliedert, sagt, es seien 35 000, "alle bewaffnet und bereit, für die Clica zu sterben". Auf der anderen Seite die Nationalpolizei und die Streitkräfte mit 33 000 Mitgliedern. Oscar Bonilla, der Direktor des Nationalen Sicherheitsrates, vergleicht die Situation mit dem Krieg. "Vielleicht nicht ganz so, aber ziemlich ähnlich im Ausmaß der Gewalt und in der Anzahl der Beteiligten."
Ein Blick in das Dokument und vor allem auf die Photos verursacht Übelkeit: Es handelt sich um den Bericht der Polizei über die Fälle von enthaupteten oder sonst wie zerstückelten Leichen, die um die Jahreswende 2002/03 verstärkt auftauchten. Aber unter den unbeschreiblichen Bildern erweckt eines die Aufmerksamkeit: ein Körper mit auf dem Rücken gefesselten Armen und an der linken Hand fehlt der kleine Finger. Das war eine Praktik der Todesschwadronen. "Während des schmutzigen Krieges wurden die Leute damit eingeschüchtert.", erklärt Eduardo Linares, heute Stadtrat von San Salvador, früher FMLN- Kommandant. "Leute zu enthaupten und die Köpfe an verschiedene Stellen zu werfen oder Körper zu zerstückeln und die jeweils gleichen Körperteile an einem einzigen Ort zusammen zu deponieren, das waren Markenzeichen der Diktatur."
Die Menschenrechtsombudsfrau Beatrice Alamanni vermutet "soziale Säuberung" durch "reaktionäre Kreise, außerhalb des Gesetzes und mit der Komplizenschaft der Sicherheitskräfte, die das Problem lösen wollen, indem sie die Unerwünschten ausrotten".
Säuberungskampagnen gegen Maras
Solcher Verdacht wird genährt vom Umstand, dass die Staatsanwaltschaft und die Polizei nicht über ihre Ermittlungen berichten - falls sie überhaupt welche machen. Beatrice Alamanni führt aus: "Es sind Jugendliche gefunden worden, die an den Daumen aufgehängt waren - wie in den Zeiten des Krieges. Das machen die Mareros nicht, das ist nicht ihre Methode. Im Gegenteil, das vermittelt den Eindruck, dass es Säuberungskampagnen gegen die Maras gibt." Sie stellt klar, dass diese Vermutung nicht bedeutet, dass die Pandilleros keine solchen Verbrechen begehen könnten, "solange es aber keine kriminalistischen Daten gibt, die die Jugendbanden mit diesen Verbrechen in Verbindung bringen, bleibt ein Eindruck wie zu Beginn des Krieges". Im Bericht der Nationalpolizei über die Enthaupteten steht zu lesen: "Auf der Grundlage der zusammengetragenen Information kann man feststellen, dass die Mehrzahl der Morde mit Individuen in Verbindung gebracht werden, die den Maras angehören. Gleichwohl konnte in einigen Fällen ihre Täterschaft nicht juristisch nachgewiesen werden."
Unter Ex-Pandilleros wie den Leuten von "Homies Unidos" kursiert hingegen die Version, dass die Verantwortlichen Mitglieder der "Sombra Negra" (Schwarzer Schatten) sind, einer Gruppe unter der Führung von Ex-Militärs, die zwischen 1992 und 1993 Aktivisten und Ex-Guerilleros ermordete.
Am bedenklichsten ist aber, dass diese in den salvadorianischen Medien breitgetretenen Verbrechen zur Grundlage für die Operation "Mano Dura" (Harte Hand) und die Anti-Mara-Gesetze gegen die Pandillas wurden. Diese Regierungsmaßnahmen wiederum haben im vergangenen Wahlkampf eine Rolle gespielt und maßgeblich zum erneuten Wahlsieg der rechtsextremen ARENA-Partei beigetragen. So entdeckte die Nationalpolizei zum Beispiel in der Schlussphase des Wahlkampfes eine Waffenlieferung, die angeblich für die FMLN-Gemeindeverwaltung von Mejicanos bestimmt war. Die Mutmaßungen der rechten Tageszeitungen, mit diesen Waffen wolle die FMLN die Maras ausstatten, lösten sich in Luft aus, als ein zugelassener Waffenhändler die Ladung für sich reklamierte.
Homie zu sein bedeutet solidarisch zu sein, andere Bandenmitglieder zu versorgen und für die Clica zu morden. Pandillero sein ist eine Lebensform.
die Mara wird zur Familie
In einem Land, das nicht aus der Nachkriegszeit rauskommt, mit einer der höchsten Auflösungsraten von Familienzusammenhängen auf dem Kontinent, und das weltweit der siebtgrößte Waffenimporteur ist, ist die Gewalt so alltäglich wie der offensive Fahrstil oder die Situationen, in denen Verkehrsunfälle mit der Waffe bereinigt werden. Unter solchen Umständen wird die Mara zur Familie. Für alle. Die Führer der MS, erklärt der Pandillero, der sich so lebhaft für Mexicali interessiert, sind zur Schule gegangen und haben zum Teil studiert und einige sind ARENA-Aktivisten. Es gibt Maras in der Polizei, als Angestellte in den Banken und an den Privatuniversitäten. Die Jainas (Freundinnen, Bräute) einiger Chefs wohnen im Reichen-Stadtteil Esaclón. Die Maras sind ein Problem, das sich nicht mit Repression lösen lässt, erklärt die Soziologin Maria Santacruz, aber auch nicht mit der Art von Wiedereingliederungsprogrammen wie sie die Regierung anbietet.
"Was nützt es, nachmittags Fußball zu spielen (wie es der Nationale Sicherheitsrat anbietet), wenn du nachts verhungern wirst", fragt Luis Romero von den "Homies Unidos". "Für was bildet man die Jungs aus, wenn sie nachher keine Arbeit bekommen? In welche Gesellschaft wollen sie sie den reintegrieren, wenn sie nie Teil dieser Gesellschaft waren?"
(entnommen: ILA Nr. 276 / Juni 2004) aus La Jornada, 7. März 2004. übersetzt, bearbeitet und gekürzt von Eduard Fritsch.